ADRA Live! Weltwärts Quifd-Siegel

Aus dem Tal der Ahnungslosen



Geschrieben am Mittwoch, 19. Juli 2017 von ADRAlive-Team

Ein Bericht von Florian, der ein Freiwilliges Jahr in Bolivien, mit geistig und körperlich beeinträchtigten Menschen absolvierte.

Fast wie erwartet

Aus unserem Heimatland Deutschland ist man ja so manchen Luxus und geregelten Tagesablauf gewöhnt. Was mich in den ersten Tagen, Wochen und Monaten in Bolivien erwartete, war dagegn alles andere als geregelt und normal für mich. Offen für jegliche Herausforderungen, jedoch mit reichlich Erwartungen, kam ich mit meinen drei anderen Mitfreiwilligen am Flughafen unserer Stadt Santa Cruz de La Sierra zeitig am Morgen an. Der erste Tag in Südamerika. Nachdem unsere Mentoren uns pünktlich bei Ankunft unseres Fliegers abgeholt hatten, durften wir in unserem Projektstandort in Santa Cruz unser erstes Frühstück zu uns nehmen, welches nicht sehr reichhaltig und lecker war. So stellte sich mir die Frage, wie es erst im Dorf auf dem Land aussehen würde, wo sich der Hauptstandort unseres Projektes befindet. Ein Teil der Kultur durften wir direkt mit Beginn der Visumbeantragung erfahren. Ämter werden geöffnet und geschlossen, wie es gerade recht ist. Stundenlange Wartezeiten für eine Unterschrift oder ein Blick auf ein Zettelchen. Und für die Deutschen, die ja sowieso mehr Geld haben, gleich mal etwas mehr Geld verlangen.

Ein harter Brocken

Mit einem mit Nahrungsmitteln gefüllten Kleinbus starteten wir die zwei Stunden dauernde Fahrt bis in den Ort, wo wir für ein Jahr leben würden. Noch immer offen für alles, was auf uns zukommen sollte, sind wir in der Nacht im Projekt angekommen. Was wir von der Fahrt mitbekommen haben, war reichlich Verkehr, schlechte Straßen und das Hupen von jedem zweiten Auto. Es war dunkel und von der versprochenen schönen Landschaft noch nichts zu sehen. Dafür eine Überraschung als wir ankamen. Der Sternenhimmel über uns erstrahlte so kräftig, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Dies war der Punkt, an dem ich feststellte, ich befinde mich wirklich in einem Dorf, abgeschnitten von der Außenwelt in der Mitte Boliviens. Gerade kommt man aus dem deutschen gewohnten Luxus und wird wie eine Spielfigur in ein anderes Land gesetzt. Ohne die Sprache und die Menschen zu kennen. Unser Dorf stellte sich als einer der schönsten Orte heraus, die ich bisher gesehen hatte. Eine Vielzahl an Tieren und Pflanzen, ein Ort, umgeben von Bergen, mit nahegelegenem Fluss.
Die ersten zehn Monate wuschen wir unsere Wäsche mit der Hand. Die einzige Stromquelle, die wir nutzen konnten, waren drei Solarpanel auf dem Dach. Es war Stromsparen angesagt. Zum Handy laden, was man eigentlich nicht benötigte, da es ja eh keinen Empfang gab, war der Strom ausreichend. Für mich waren die ersten Wochen nach der Ankunft kein großes Problem. Obwohl wir in der ersten Arbeitswoche in Bereiche eingespannt wurden, die für mich erstmal ein hartes Stück Brot waren, wie Patienten duschen und Windeln wechseln.

Ein unbeschriebenes Buch

Wie ich bald feststellte, ist das Projekt erst wenige Monate zuvor an diesen Standort gekommen, somit wurden die ersten zwei Monate nicht nur für die Freiwilligen, sondern auch für die Leiter ein Experiment. Erst nach drei Monaten haben wir aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, zusammen mit unseren Leitern und einem Übersetzer, einen Arbeitsplan ausgearbeitet. Doch selbst dieser Arbeitsplan wurde noch einige Male geändert. Das größte Problem, welches ich wohl hatte, waren die mangelnden Sprachkenntnisse, was ich mir aber selbst zuschreiben konnzr. Ich fühlte mich in kürzester Zeit sehr wohl in meinem Projekt und war voll eingespannt in die schöne, doch ziemlich chaotische Arbeit. Ich würde behaupten, nach etwa acht Monaten haben wir alle zusammen ein gutes und funktionierendes Konzept der Arbeitsverteilung ausgearbeitet, in dem ich sehr viel Kontakt mit den Patienten führen durfte.

Lebensbereichernde Geschichten und Erfahrungen

Zu Beginn des Jahres befanden sich 21 Patienten und vier Freiwillige im Dorf. Die Anzahl der Patienten ist bis zum zehnten Monat reichlich gestiegen. Später hatten wir 36 Patienten und sieben Freiwillige mit stetig wachsender Anzahl. Jeder Patient bringt seine Geschichte mit. Das Reden mit den Patienten oder Aktivitäten mit den Patienten, wie Spiele spielen, sportliche Übungen mit Beinen und Armen, haben mich in dem ganzen Jahr viel begleitet. Es ist für mich unglaublich, diese Erfahrung zu machen, Menschen zuzuhören, die einfach gern erzählen wollen, da sie vorher niemanden hatten. Wir betreuen Menschen, die im Rollstuhl sitzen aufgrund Amputationen oder Unfällen, Menschen, die kein Augenlicht haben sowie geistig Beeinträchtigte, die auf der Straße lebten, meist auch mit Babys. Unser Projekt ist bis zu diesem Jahr das einzige Projekt seiner Art in Bolivien geblieben. Es gibt zahlreiche Kinderheime hier in Bolivien, jedoch nur ein Projekt, welches Menschen aufnimmt, die schon aus ihrem Kindes- oder Jugendalter heraus sind.

Unendliche Dankbarkeit

Mit der Hilfe Gottes, den zahlreichen Gebeten und den Freiwilligen von ADRA sowie Freiwilligen, die uns an Wochenenden helfen, haben wir die Möglichkeit jeden Tag drei Mahlzeiten für die Patienten zuzubereiten und ausreichend Kleidung und notwendige Medikamente sowie Hygieneartikel zur Verfügung zu stellen. Wir verfügen über einen großen Obst- sowie Gemüsegarten, in dem uns zu fast jeder Zeit Früchte und Gemüse geschenkt werden. Es macht mich glücklich, mit dem Traktor loszufahren, um Früchte für die kommende Woche zu holen und morgens den Garten zu gießen, um später Tomaten ernten zu können.

Dieses Freiwillige Jahr in Bolivien hat mir eine weitere große Familie geschenkt. Eine Familie aus allen Patienten und Freiwilligen, die man ungern loslässt. Ich bin unendlich froh, die Möglichkeit bekommen zu haben, mein Leben in dieser Weise zu prägen, mit den eigenen Händen helfen zu können und ein Land mit seiner Kultur kennenlernen zu dürften. Trotz einigen Problemchen, wie keinen Kontakt zu seiner Familie zu haben oder Tage ohne Strom zu erleben, konnte ich durch die Menschen und die Natur, täglich neue Kraft schöpfen und mein Freiwilliges Soziales Jahr mit „Adra weltwärts“ genießen.

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Die Liebe meines Lebens



Geschrieben am Mittwoch, 12. Juli 2017 von ADRAlive-Team

Ein Bericht der Freiwilligen Lena, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in Sambia absolviert.

Die Entscheidung ein FSJ zu machen, stand schon lange fest für mich. Doch was es wirklich heißt, ein Jahr in einem fremden Land und einer fremden Kultur zu arbeiten und zu leben, war mir damals noch überhaupt nicht klar. Aber es ist unglaublich. Mein Leben hat sich komplett verändert, vom Schulalltag direkt nach Sambia in den Berufsalltag eines Hospizes. Und das Spannendste: Dieses Leben ist MEIN Leben geworden. Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen ein anderes zu führen.

Das Projekt, meine Arbeit und meine Familie

Ich arbeite im Projekt „Ranchhod Community Services & Hopice“ (RCSH) und dort direkt im Hospiz. Das Hospiz nimmt aber nicht nur Menschen auf, die auf Palliativpflege angewiesen sind, sondern wir behandeln auch Wunden (z.B. Druckgeschwüre), kurieren opportunistische Krankheiten von HIV, wie Tuberkulose, und geben älteren Menschen, um die sich niemand mehr kümmert, ein zu Hause.
Bei meiner Arbeit hier entdecke ich Krankheitsbilder, die mir in Deutschland wahrscheinlich niemals unterkommen würden und lerne, wie sie mit den begrenzten Ressourcen bewältigt werden können. Doch noch interessanter sind die Geschichten und Schicksale, die jeder Patient mit sich bringt und in die ich einen tiefen Einblick bekomme. HIV ist ein ganz großes Thema und prägt die Menschen hier und so auch ihr Leben. Natürlich ist es nicht immer einfach, diese Geschichten zu verarbeiten und auch mit dem Tod, der allgegenwärtig ist, umzugehen. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran und findet seinen Weg. Zudem sind die Mitarbeiter unseres Projektes wie eine große Familie, in die ich aufgenommen wurde, worüber ich unendlich dankbar bin. Der Zusammenhalt und der Umgang untereinander sind etwas ganz Besonderes und jeder Einzelne ist mir ans Herz gewachsen.

Der Ort, an dem einem Spaß und Liebe entgegenspringen

Neben dem Hospiz führt das Projekt RCSH auch ein Kinderzentrum für Kinder, die sehr arm sind und entweder ein oder beide Elternteile verloren haben. Hauptsächlich geht es darum, den Kindern zwei Mahlzeiten pro Tag zu ermöglichen, zusätzlich werden sie aber auch in einer Art Vorschule auf die Schule vorbereitet. Zu Festen, wie z.B. Weihnachten oder Ostern versuche ich immer mit den Kindern etwas ganz Besonderes zu machen und ihnen auch ein wenig unserer Kultur nahezubringen. Es ist wahnsinnig schön zu sehen, wie interessiert und offen sie sind, Neues zu lernen und wie viel Spaß es ihnen bereitet.

Hilfe, wo möglich

Über die Arbeit im Projekt hinaus unterstützt das RCSH auch noch Großmütter in den Armenvierteln, unterernährte Babys, Kinder in anderen Schulen und jeden, der dringend Hilfe benötigt. Das RCSH bietet Familienplanung an und führt HIV-Tests mit anschließender Beratung durch und unsere Mitarbeiter pflegen auch Leute daheim.

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Bilder im Kopf…



Geschrieben am Donnerstag, 06. Juli 2017 von ADRAlive-Team

Ein Bericht der Freiwilligen Alwina, die für ein Jahr an der „Voice Secondary School“ in Tansania arbeitet.

Oha – was für ein Jahr das doch ist! Mit jedem einzelnen Tag sind nun tatsächlich elf Monate in einem anderen Land, ja sogar auf einem anderen Kontinent, zum Leben erwacht. Mit wahrlich unterirdischen Erwartungen machten meine Mitfreiwillige Beryl und ich uns auf nach Tansania. Noch daheim hat man sich selbst nicht erlaubt vorzustellen, wie dieses Jahr ablaufen würde. Und nun sitze ich hier, den Kopf voller Bilder – von Orten, Menschen und Momenten.

…von Orten

Verrückt. Da befindet man sich in seiner heimatlichen Umgebung und nach knapp 16 Stunden sieht die Welt auf einmal ganz anders aus. Kurz gesagt – ziemlich tansanisch. Unsere neue Heimat liegt mitten im Grünen. Usa River ist umgeben von alten, tiefverwurzelten Bäumen, frischen Maisfeldern und buntgetüpfelten Büschen. Kleine und große Flüsse, die sich wie Adern ihren Weg bahnen und in der Umgebung ergießen, verleihen diesem Ort seinen Puls. Wenn der Tag sich verabschiedet und die letzten Sonnenstrahlen ihren Auftritt haben, erblickt man eine wahre Schönheit – den Mount Meru. Ob von Wolken geziert oder durch die Sonne erleuchtet, dieser Berg ist für mich nicht mehr wegzudenken. Durch ein paar Abenteuer konnten wir die rotsandigen Steppen bis zum Horizont verfolgen, die Aussicht während einer Bergwanderung genießen, die weißpulvrigen Strände Sansibars entlangspazieren, das Usambaragebirge auf der Ladefläche eines Pickups hinunterrasen und uns mit Sonnenuntergängen am Viktoriasee beschenken lassen. Doch was wären all die vielen Orte ohne jemanden an der Seite zu haben.

…von Menschen

Beryl und ich sind gemeinsam an der „Voice Secondary School“ eingesetzt. Ein Projekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst vermutlich untergehen würden. Da wir die allerersten Freiwilligen in diesem Projekt sind, mussten wir erstmal klarkommen und schauen, was für Aufgaben wir uns suchen. Nun kann ich Kunstunterricht geben, in den Nachmittagen Theater und Poetry anbieten und in der Freizeit mit in der Küche helfen. Das Schulteam hat uns superherzlich aufgenommen und die Schüler – ja, sie sind der Grund weshalb man erst so richtig Lust auf den Unterricht hat. So oft bin nicht ich diejenige, die lehrt, sondern vielmehr diejenige, die von den Schülern gelehrt und inspiriert wird. Baba Daniel und Mama Pendo sind die Gründer der Schule und gleichzeitig auch unsere waschechte tansanische Familie, die uns mit allem umsorgt. Die kleinen Töchter Joy und Glory lassen keine Langeweile aufkommen und sind für jeden Spaß zu haben. Doch uns umgeben hier noch so viele mehr. Kinder, die von der Straße angelaufen kommen, uns an die Hand nehmen und ein Stückchen begleiten. Marktfrauen, dessen Rufe vom Straßenrand erhallen und die gerne mal zwei Tomaten mehr in die Tüte packen. Schneiderinnen, die nicht müde werden Änderungen vorzunehmen. Kleine Babys, die den Nachmittag versüßen. Köche, mit denen man lachen, schnibbeln und schweigen kann. Ein Schnitzer, der mit seiner rauen Art gerne Weisheiten teilt. Faltige Gesichter, die Bände sprechen. Fremde, die uns nicht als Fremde behandeln. Und mittendrin wir.

…von Momenten

Wir, die wir Momente erleben und sammeln dürfen. Jeden Tag aufs Neue, ob schöne oder weniger schöne. Wenn ich so durch meine Tagebücher (oja, Plural) blättere, wird mir bewusst, dass ich mir am liebsten ein Päckchen Tansania schnüren würde, um es mitzunehmen. Aber so läuft das nicht. Um dieses Jahr lässt sich keine Schleife binden. Vielmehr kann man sich die Augen öffnen lassen, um zu Träumen, ohne sich daran zu verlieren, um zu Tun, ohne das Stillstehen zu vergessen, und um zu Verstehen, ohne immer die passenden Worte finden.

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