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Afrika – immer ein Abenteuer



Geschrieben am Donnerstag, 10. Juli 2008 von "weltwärts"-Freiwilliger/em

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Jetzt erzähle ich euch, wie ich meinen Geburtstag verbracht habe. Hier feiern sie eigentlich keinen Geburtstag und auch kein Weihnachten. Für sie ist es kein besonderer Tag. So habe ich nichts besonderes erwartet. 

Mein Geburtstag war ein Sabbat und außerdem Abschluss einer Evangelisation in Matiaso, das ist eine halbe Stunde von hier entfernt. Der Chor sollte singen. Die ganzen Leute mussten aber auch erstmal transportiert werden. Es ist leider nicht so einfach wie in Deutschland, dass sich jeder in sein Auto setzt und Entfernungen kein Problem sind. Also wurde ein Dala Dala organisiert (das sind die öffentlichen Kleinbusse hier) und dann haben sie noch den Lorry geschickt. In dem dürfen eigentlich nur drei Leute im Führerhaus mitfahren und hinten ist Ladefläche, aber diesmal war es eine Ausnahme und alle Pfadfinder wurden aufgeladen. Das war natürlich ein Abenteuer. Ich bin weder im Lorry noch im Dala Dala mitgefahren, sondern in Dr. Roceros komfortablem Landrover. Ja, ja, ich weiß: „Die weißen haben wieder Sonderstatus, wie in allem hier“, aber für die anderen ist es normal. Ich wär auch im Dala Dala mitgefahren, aber Rocero hat uns das Angebot gemacht.
Es war ein ganz normaler Gottesdienst, der draußen stattgefunden hat. Noch vor dem Mittagessen war eine Taufe von 25 Leuten!. Die war schon spezial.

Sie hat in einem kleinen Tümpel stattgefunden und man musste erstmal einen steilen Berg hinunterlaufen. Ich war erstaunt wie tief das Wasser doch war und es hat auch zum Untertauchen gereicht (für alle, die es nicht wissen, in meiner Kirche ist Taufe durch Untertauchen, so wie es bei Jesus war). Es war echt schwierig in das Wasser zu gelangen und die Leute mussten an einem Stock gehen um nicht auszurutschen. Die Täuflinge hatten auch keine besondere Taufkleidung, sondern wurden in ihren normalen Sachen getauft. Ihnen wurde dann immer aus dem Wasser geholfen und am Ende stand der Pastor allein im Wasser und alle waren schon im Begriff zu gehen und haben vergessen, dass er auch Hilfe braucht um aus dem Tümpel zu kommen. So hat er mit seinem Stock gerudert bis dann auch jemand den Stock gehalten hat. Nach dem Mittagessen, dass jeder selbst mitgebracht hat, war eine Choreinlage, es waren insgesamt drei Chöre hier, die sich abgewechselt haben. Wir hatten Roben an und ich hab mich gefühlt, wie in dem Film „Sister Act“ und es war ziemlich warm darin. Danach kam noch eine Predigt. Es war den ganzen Tag keine Übersetzung ins Englische, weil der Doktor und ich die einzigen waren, die nicht viel Swahili verstehen. Ich hatte aber dann meinen eigenen Übersetzer. Das war echt lustig.
Gegen Abend haben wir uns dann auf den Heimweg gemacht und Mama Rocero, die Frau des Doktors hat Maleika, Baraka und mich zum Abendessen eingeladen. Es war echt lecker mit Pizza, Salat und anderem. Außerdem war auch ein Spezial Gast aus Deutschland da, Iris Brandl-Grau von ADRA. Sie ist verantwortlich für alle Freiwilligen, die ADRA Deutschland ins Ausland schickt. Es hat sich gerade angeboten, dass sie uns besuchen kommen kann, weil sie geschäftliche Dinge in Afrika zu tun hatte und so war sie das erste Mal in Heri. Sie wollte eigentlich nur zwei Tage bleiben, aber dann kamen andere Umstände dazwischen und sie ist bis Sonntag geblieben. So war sie auch an meinem Geburtstag da, was ich echt schön fand. Nach dem Abendessen hat Mama Rocero eine Torte serviert, extra für mich. Mmh lecker, sag ich euch..  Das machen Roceros für jeden Freiwilligen, der hierher kommt. Sie sind echt lieb und ein ganz süßes Paar. Sie hatten an diesem Tag auch noch ihren Hochzeitstag (ich glaub es war der 39.), aber wenn du sie siehst, scheinen sie immer wie frisch verliebt. Sie sind auch die einzigen außer Maleika und Baraka, die du Händchen haltend siehst und die auch oft nebeneinander sitzen. Für Afican People ist das sehr ungewöhnlich, weil sie in der Öffentlichkeit meist nicht zeigen, dass sie ein Paar sind. Vor der Hochzeit ist es auch verpöhnt, mit deinem Partner in der Öffentlichkeit Hand zu halten. Das verstehe ich nicht ganz, weil es ganz normal ist, dass man hier Leute händehaltend sieht, die kein Paar sind, auch Gleichgeschlechtliche. Anfangs war ich echt erstaunt und auch etwas geschockt und hab mich gefragt, ob es so viele Homosexuelle hier gibt, aber es hat nichts zu bedeuten. Sie sind ein sehr körperbetontes herzliches Volk, aber nicht was Paare in der Öffentlichkeit betrifft.
Sorry, jetzt bin ich doch von meinem Geburtstagsbericht abgeschweift, aber das war eigentlich auch schon das Ende des Tages.
Am nächsten Tag ging dann schon die Arbeit im Krankenhaus weiter und schon am Morgen habe ich einen Notfall bekommen. Eine junge Frau, bewusstlos. Die Blutzuckerkontrolle hat ergeben, dass sie total unterzuckert war. Das heißt wir müssen schnell reagieren und ihr Zucker zuführen. Ich war allein auf Station. Also habe ich versucht eine Vene zu finden um einen intravenösen Zugang zu legen. Das erwies sich als sehr schwierig. Außerdem war mein Vorratsschrank leer und ich hatte keine einzige Kanüle, noch Infusionsbesteck. Also musste ich erstmal etwas borgen gehen, was natürlich auch Zeit in Anspruch genommen hat, die ich eigentlich nicht hatte. Die meisten Mitarbeiter saßen gerade in der Morgenandacht und ich musste dann die Leute wegholen. So haben wir dann zwei Kanülen legen können. Nach ca. 1-2h ist die Patientin dann auch aufgewacht und der Blutzucker, wie auch Blutdruck kehrte langsam auf normal zurück. Am nächsten Tag wurde sie schon wieder entlassen. Es wurde nichts festgestellt außer, dass sie nichts gegessen hatte.

Diese Woche ging auch gut weiter, denn am Mittwoch Morgen kam ich zum Dienst und die Nachtschicht hatte gerade einen Zugang bekommen, eine junge Frau auch bewusstlos. Das Problem war, dass sie eine Fehlgeburt oder Abtreibung ca. 2 Wochen vorher hatte und keine Ausschabung gemacht wurde. So hat sie eine Infektion bekommen und daraus entwickelte sich eine Blutvergiftung. Sie kam mit einem Blutdruck von 60/40 mmHg. Wir konnten den Blutdruck bis zum Nachmittag auf 90/50 mmHg bringen mittels Infusion und 2 Bluttransfusionen, aber schlussendlich konnten wir sie nicht retten und sie ist am Nachmittag verstorben.
Das Problem ist hier echt, dass die Leute so spät kommen, weil sie kein Geld haben, aber dann kann man manchmal nichts mehr machen und die Kosten steigen auch ins Unermessliche. 
 
Der Babyboom ist in diesem Monat echt enorm. Schon zwölf Babys in 5 Tagen. Das ist für die kleine Region echt viel. Hier gibt es auch viel mehr Kaiserschnitte als zu Hause, weil die Muhas, das ist der Stamm hier, ein sehr kleines (von der Statur her) Volk sind. So erschwert es auch das Kinderkriegen und es gibt mehr Probleme bei der Geburt. Aber das hält die Leute hier nicht ab mehr Kinder zu zeugen, obwohl die Familienplanung und der Gebrauch von Verhütungsmitteln schon einige Fortschritte erzielt haben. Aber trotzdem gibt es hier einige Frauen, die schon das elfte oder zwölfte Mal schwanger sind und immer noch mehr Kinder haben wollen. Letztens hat mir Maleika von einer Frau erzählt, sie ist das zwölfte Mal schwanger und schon 46 Jahre alt ist. Sowohl sie als auch ihr Mann wollen noch mehr Kids. Ihr Mann hat gemeint, er möchte 18 Kinder von dieser Frau!! Ich glaube, das ist dann schon rein altersmäßig nicht mehr möglich..
Viele Leute hier denken nicht wirklich ökonomisch. Wie wollen sie all den Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen? Das ist echt nicht möglich..  Schulbildung ist hier wirklich ein Problem. Erstens gibt es viel zu wenig Schulen und so ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Klasse oft 100 Schüler oder mehr umfasst und eine Privatschule ist sehr teuer. So ist es für die meisten nicht möglich eine höhere Schulbildung zu bekommen und die Chance zu haben zu studieren oder einen Beruf zu lernen, außer Bauer (das ist keine Abwertung des Berufes, aber nicht genug gewinnbringend um eine Großfamilie zu ernähren). Ich kriege so viele Anfragen von Leuten, ob ich ihnen nicht Geld geben könnte, dass sie zur Schule gehen können oder ob ich nicht Sponsoren in Deutschland finden könnte. Ja, das ist schon ein Problem, aber du kannst ja nicht alle Leute unterstützen und ich sehe meine Arbeit hier auch eher darin als Krankenschwester zu dienen, als als Sponsor. Also das ist ein Ansporn an alle, die nicht gern zur Schule gehen. Genießt die Bildung, die ihr in Deutschland bekommt und stöhnt nicht darüber, denn andere haben nicht solche Möglichkeiten und würden gerne mehr lernen.

Ach ja, eh ich es vergesse, an alle Fußballfans mein herzliches Beileid, dass Deutschland nur zweiter geworden ist. Ich habe das Finale auch in Tansania mit Spannung verfolgt und war etwas enttäuscht. Meine Schwester hat mir erzählt, wie fußballbegeistert Deutschland in dieser Zeit wieder war und es ist echt verrückt. Ich hoffe es gab nach dem verlorenen Spiel keine zu großen Unruhen. Aber es kann halt nur einen Gewinner geben.

So das waren wieder eine Menge Neuigkeiten und ich hoffe es hat euch nicht gelangweilt, aber auch nicht zu sehr abgeschreckt. Das ist Afrika, vielleicht mal von einer anderen Seite, aber ich genieße das Leben hier trotzdem, weil es viele schöne Seiten hat und immer ein Abenteuer ist.
Ganz liebe Grüße an euch alle und genießt den Sommer.
Gottes Segen
Eure Lydia

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