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Aus dem Tal der Ahnungslosen

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Ein Bericht von Florian, der ein Freiwilliges Jahr in Bolivien mit geistig und körperlich beeinträchtigten Menschen absolvierte.

Fast wie erwartet

Aus unserem Heimatland Deutschland ist man ja so manchen Luxus und geregelten Tagesablauf gewöhnt. Was mich in den ersten Tagen, Wochen und Monaten in Bolivien erwartete, war dagegn alles andere als geregelt und normal für mich. Offen für jegliche Herausforderungen, jedoch mit reichlich Erwartungen, kam ich mit meinen drei anderen Mitfreiwilligen am Flughafen unserer Stadt Santa Cruz de La Sierra zeitig am Morgen an. Der erste Tag in Südamerika. Nachdem unsere Mentoren uns pünktlich bei Ankunft unseres Fliegers abgeholt hatten, durften wir in unserem Projektstandort in Santa Cruz unser erstes Frühstück zu uns nehmen, welches nicht sehr reichhaltig und lecker war. So stellte sich mir die Frage, wie es erst im Dorf auf dem Land aussehen würde, wo sich der Hauptstandort unseres Projektes befindet. Ein Teil der Kultur durften wir direkt mit Beginn der Visumbeantragung erfahren. Ämter werden geöffnet und geschlossen, wie es gerade recht ist. Stundenlange Wartezeiten für eine Unterschrift oder ein Blick auf ein Zettelchen. Und für die Deutschen, die ja sowieso mehr Geld haben, gleich mal etwas mehr Geld verlangen.

Ein harter Brocken

Mit einem mit Nahrungsmitteln gefüllten Kleinbus starteten wir die zwei Stunden dauernde Fahrt bis in den Ort, wo wir für ein Jahr leben würden. Noch immer offen für alles, was auf uns zukommen sollte, sind wir in der Nacht im Projekt angekommen. Was wir von der Fahrt mitbekommen haben, war reichlich Verkehr, schlechte Straßen und das Hupen von jedem zweiten Auto. Es war dunkel und von der versprochenen schönen Landschaft noch nichts zu sehen. Dafür eine Überraschung als wir ankamen. Der Sternenhimmel über uns erstrahlte so kräftig, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Dies war der Punkt, an dem ich feststellte, ich befinde mich wirklich in einem Dorf, abgeschnitten von der Außenwelt in der Mitte Boliviens. Gerade kommt man aus dem deutschen gewohnten Luxus und wird wie eine Spielfigur in ein anderes Land gesetzt. Ohne die Sprache und die Menschen zu kennen. Unser Dorf stellte sich als einer der schönsten Orte heraus, die ich bisher gesehen hatte. Eine Vielzahl an Tieren und Pflanzen, ein Ort, umgeben von Bergen, mit nahegelegenem Fluss.
Die ersten zehn Monate wuschen wir unsere Wäsche mit der Hand. Die einzige Stromquelle, die wir nutzen konnten, waren drei Solarpanel auf dem Dach. Es war Stromsparen angesagt. Zum Handy laden, was man eigentlich nicht benötigte, da es ja eh keinen Empfang gab, war der Strom ausreichend. Für mich waren die ersten Wochen nach der Ankunft kein großes Problem. Obwohl wir in der ersten Arbeitswoche in Bereiche eingespannt wurden, die für mich erstmal ein hartes Stück Brot waren, wie Patienten duschen und Windeln wechseln.

Ein unbeschriebenes Buch

Wie ich bald feststellte, ist das Projekt erst wenige Monate zuvor an diesen Standort gekommen, somit wurden die ersten zwei Monate nicht nur für die Freiwilligen, sondern auch für die Leiter ein Experiment. Erst nach drei Monaten haben wir aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, zusammen mit unseren Leitern und einem Übersetzer, einen Arbeitsplan ausgearbeitet. Doch selbst dieser Arbeitsplan wurde noch einige Male geändert. Das größte Problem, welches ich wohl hatte, waren die mangelnden Sprachkenntnisse, was ich mir aber selbst zuschreiben konnzr. Ich fühlte mich in kürzester Zeit sehr wohl in meinem Projekt und war voll eingespannt in die schöne, doch ziemlich chaotische Arbeit. Ich würde behaupten, nach etwa acht Monaten haben wir alle zusammen ein gutes und funktionierendes Konzept der Arbeitsverteilung ausgearbeitet, in dem ich sehr viel Kontakt mit den Patienten führen durfte.

Lebensbereichernde Geschichten und Erfahrungen

Zu Beginn des Jahres befanden sich 21 Patienten und vier Freiwillige im Dorf. Die Anzahl der Patienten ist bis zum zehnten Monat reichlich gestiegen. Später hatten wir 36 Patienten und sieben Freiwillige mit stetig wachsender Anzahl. Jeder Patient bringt seine Geschichte mit. Das Reden mit den Patienten oder Aktivitäten mit den Patienten, wie Spiele spielen, sportliche Übungen mit Beinen und Armen, haben mich in dem ganzen Jahr viel begleitet. Es ist für mich unglaublich, diese Erfahrung zu machen, Menschen zuzuhören, die einfach gern erzählen wollen, da sie vorher niemanden hatten. Wir betreuen Menschen, die im Rollstuhl sitzen aufgrund Amputationen oder Unfällen, Menschen, die kein Augenlicht haben sowie geistig Beeinträchtigte, die auf der Straße lebten, meist auch mit Babys. Unser Projekt ist bis zu diesem Jahr das einzige Projekt seiner Art in Bolivien geblieben. Es gibt zahlreiche Kinderheime hier in Bolivien, jedoch nur ein Projekt, welches Menschen aufnimmt, die schon aus ihrem Kindes- oder Jugendalter heraus sind.

Unendliche Dankbarkeit

Mit der Hilfe Gottes, den zahlreichen Gebeten und den Freiwilligen von ADRA sowie Freiwilligen, die uns an Wochenenden helfen, haben wir die Möglichkeit jeden Tag drei Mahlzeiten für die Patienten zuzubereiten und ausreichend Kleidung und notwendige Medikamente sowie Hygieneartikel zur Verfügung zu stellen. Wir verfügen über einen großen Obst- sowie Gemüsegarten, in dem uns zu fast jeder Zeit Früchte und Gemüse geschenkt werden. Es macht mich glücklich, mit dem Traktor loszufahren, um Früchte für die kommende Woche zu holen und morgens den Garten zu gießen, um später Tomaten ernten zu können.

Dieses Freiwillige Jahr in Bolivien hat mir eine weitere große Familie geschenkt. Eine Familie aus allen Patienten und Freiwilligen, die man ungern loslässt. Ich bin unendlich froh, die Möglichkeit bekommen zu haben, mein Leben in dieser Weise zu prägen, mit den eigenen Händen helfen zu können und ein Land mit seiner Kultur kennenlernen zu dürften. Trotz einigen Problemchen, wie keinen Kontakt zu seiner Familie zu haben oder Tage ohne Strom zu erleben, konnte ich durch die Menschen und die Natur, täglich neue Kraft schöpfen und mein Freiwilliges Soziales Jahr mit „Adra weltwärts“ genießen.