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Bienvenidos en Arequipa!



Diesen Artikel drucken Geschrieben am Mittwoch, 08. Januar 2020 von "weltwärts"-Freiwilliger/em

Ein Bericht von Noah, der mit ADRAlive! ein weltwärts-Jahr in Peru verbringt.

Am Anfang waren die Berge. Wüste, braune Riesen soweit das Auge reicht. Nur wenige Spitzen sind von dünnem Schnee bedeckt. Straßen münden aus dem Nichts und schlängeln sich an den stummen Wächtern der Anden vorbei. Autos befahren die einsamen Wege. Dann schießen Ruinen aus dem Boden. Erst vereinzelt, nun werden es immer mehr. Aus Ruinen werden Blechhütten, Ziegelbauten und dann kleine Häuser mit rotweißen Fahnen. Erste Kreuzungen sind zu sehen. Winzige Punkte wuseln aus und in die Gebäude, die nun immer höher wachsen. Der Staub wird weniger und die Autos mehr. Ein komplexes Netz aus Straßen, Gassen und Brücken säumt den einstigen Wüstenboden. Zivilisation ist in die leere Landschaft eingekehrt. Nur ein Vulkan am Stadtrand erinnert noch daran, dass die Natur sich ihren Platz eines Tages wiederholen wird. Ein majestätischer Anblick, der einem seine Bedeutungslosigkeit vor Augen führt. Man verliert sich darin…
Dann plötzlich eine Stimme. „Bitte anschnallen und Sitze geradestellen. Das Flugzeug setzt nun zur Landung an. „Bienvenidos en Arequipa!“

Meine Nase lief und ich schwitzte während ich auf mein Gepäck wartete. Die trockene Luft heißt Einen Willkommen in der „weißen Stadt“. Glücklicherweise holte man mich direkt vom Flughafen ab. Ohne Vorkenntnisse ziehen Einen die Taxis hier gnadenlos ab. María Elena, die Direktorin des Projekts, in dem ich nun ein Jahr lang arbeiten werde, begrüßte mich zusammen mit ihrem Mann Mauricio und fuhr mich zum Gelände. Auf dem Weg dorthin durfte ich nun die Stadt auf Augenhöhe betrachten. Rote Ziegel, staubige Straßen und etliche Stände zogen am Autofenster vorbei. Dann kamen wir endlich an. Aus der Ferne sah man bereits das von Zaun umgebene Grundstück. Auf dem Eingangstor stand „Nuestro Hogar“, „Asociación alemana Ayúdame“ etc. und das Ganze dann nochmal auf Deutsch. Das Grundstück der Kindertagesstätte ähnelt ein bisschen dem Paradies oder zumindest dem, was ich mir darunter vorstelle: Mit Steinen gepflasterte Wege, hohe Bäume, rot gestrichene Häuser und Klassenräume mit Holztüren und Vintage Glasfenstern, ein riesiger Gemüsegarten, der sich wie ein Drache um ein Schloss um das halbe Gelände zieht, ein runder Platz mit romantischer Aussicht auf die landwirtschaftlichen Felder und die Stadt in der Ferne und der riesige Park mit den bunten Rutschen und Schaukeln, deren Farben bei untergehender Sonne langsam verschmelzen. Nuestro Hogar, und ja ich schreibe ohne Gänsefüßchen weil es auch wortwörtlich Nuestro Hogar war, fühlt sich an wie der Film „L´auberge espagnole“ falls den jemand gesehen hat.  Fazit: Hier lässt es sich ein Jahr aushalten!

Mein ganzes Leben hatte ich mir ein großes Zimmer gewünscht. Drei Umzüge später und immer noch hatte ich ein kleines Zimmer. Beim Vorbereitungsseminar wurden wir gewarnt unsere Erwartungen besser zurückzuschrauben, aber als ich mein Zimmer im Nuestro Hogar sah, war ich überwältigt. Ich blickte in das größte Zimmer, in dem ich je gewohnt hatte. Vier Wände, Kleiderschrank, Tisch, Regal, zwei Betten und eine extra Matratze für Gäste. Die zwei Fenster in meinem Zimmer waren von roten Gardinen bedeckt, weshalb ich es auch das „rote Zimmer“ nenne. 

Am nächsten Morgen wurde mir von den hilfsbereiten Mitarbeiterinnen mitgeteilt, dass die kommende Woche eine Huelga (Streik) ansteht. Ergo: Zu gefährlich für die Kinder und Schüler zur Tagesstätte zu kommen. Frisch in Peru angekommen, war ich also erstmals arbeitslos. Genauso arbeitslos wie ein Großteil der Demonstranten. Ich hätte also ruhig mitdemonstrieren können. Da die Busse nicht fuhren, war ich aber gut beschäftigt mit rumlaufen, um meine Einkäufe zu erledigen. Dadurch lernte ich das Viertel sehr gut kennen und erklärte mich bereits am Ende dieser monotonen Woche zum Urgestein des Cayma-Ghettos. Aus dem Gringo wurde ein waschechter realer Arequipeno mit Street-Creedibility!

Zum Glück war meine Zeit allein nach einer Woche endlich vorbei. Vom Flughafen durfte ich meinen Mitpraktikanten Jan-Paul abholen. Der sympathische Berliner hatte zuvor ein halbes Jahr in Valparaíso, Chile verbracht und dort ein Praktikum im Senat absolviert. Danach wollte er einer Arbeit nachgehen, die mal so gar nichts mit seinem Studium Politikwissenschaften zu tun hat. So fand der rothaarige Gringo mit chilenischem Akzent seinen Weg nach Arequipa um mit mir und Mariyana, der Freiwilligen, die einen Monat nach uns ankommen sollte, ein halbes Jahr im Nuestro Hogar zu arbeiten. Jan und ich verstanden uns sofort sehr gut. Nachdem sich die angespannte Situation in der Stadt etwas beruhigt hatte, konnten wir endlich mit der Arbeit beginnen und die Kinder kennenlernen, die uns die nächsten Monate über auf Trab halten würden. Um 8 Uhr beginnt für uns die Arbeit. Zusammen gehen wir erst mal in den Klassenraum der „Nidos“ (Nest). Hier kommen die ganzen Kindergartenkinder, die Nidos und Vorschüler, die Iniciales an und trinken ein Glas Milch und frühstücken Brot mit Palta (Avokado), Butter oder Wurst. Von dort aus trennen sich dann die Wege der Praktikanten. Jan bleibt hierbei mit den Nidos während ich mit den Iniciales und der Profesora Miss Delsi in einen anderen Klassenraum gehe. Dann geht der Spaß auch so richtig los!

Zuerst spielen die Kinder mit Legos, Puzzeln, Spielzeugautos etc. auf dem Tisch oder auf einem Teppich am Boden. Meine bescheidene Aufgabe den Kindern die Spielzeuge zu geben gestaltet sich wirklich nicht einfach. „Mío! Nooo, mío. Profesor, yo yo yo!!!“ Streit um die immer gleichen Spielzeuge ist Alltag und Teilen oder zusammen spielen ein Fremdwort für die kleinen Racker. Anschließend geht es nach dem Aufräumen zum Arbeiten. Das heißt Miss Delsi oder ich zeichnen was auf die Tafel (z.B. die Zahlen von 5 bis 10, eine sommerliche/winterliche Landschaft, Buchstaben, Meerestiere usw.). Nachdem über das Thema gesprochen und Fragen gestellt wurden, teilen wir die Hefte aus und die Kinder zeichnen oder erledigen dem Thema entsprechende Aufgaben. Sobald sie fertig sind, dürfen sie kreativ werden und zeichnen. Selbst einfache Formen wie Kreise sind für viele Kinder noch ein Problem, weshalb es immer eine Freude ist, wenn man sieht, dass ein Kind Fortschritte macht, Formen erkennt und diese auf Papier bringt. Zum Abschluss ihrer Arbeiten gibt´s dann entweder den „OsitoPoh-Stempel“ (gut gemacht) oder ein „Puede-Mejorar-Stempel“. Das Kind weiß dann, da ist noch Luft nach oben.

Natürlich müssen sich die Kinder nach so anstrengender Arbeit stärken. In der sogenannten „Hora de fruta“ packen die Kinder ihre mitgebrachten gesunden Snacks aus und wir essen gemeinsam. Als Praktikant holt man sich dann seinen Snack aus der Küche. Den Kindern beim Schälen helfen und die Schalen zum einem Kompostloch im Garten zu bringen sind die Hauptaufgaben. Mit Mandarinenkernen lassen sich übrigens die besten Tischschlachten führen, selbstverständlich nur wenn die Profesora nicht hinschaut.

Sind alle fertig, bekommt jeder einen stylischen Buckethat aufgesetzt und wir rennen wie die Wilden in den Park. In der grünen Oase des Nuestro Hogar wird gerannt, gesprungen, geturnt, gefangen, gerauft und Rotz und Wasser geheult, wenn man mal auf die Schnauze fällt, was dank der lustigen, unkoordinierten Bewegungen von Kindern andauernd passiert. Man darf dann trösten, schlichten und bestrafen. Gerade mit den Jungs zu kämpfen macht übelst Laune und so manch ein Tag vergesse ich, dass ich selber kein Kind mehr bin. Kurz vor 12 verlassen wir, ääh ne Verzeihung, schleppen und ziehen wir die verschwitzen Ninos aus dem Park raus. Die kommen verständlicherweise nicht freiwillig mit. Zurück im Klassenzimmer hole ich dann zur vollen Stunde das leckere Mittagessen aus der Küche. Wir Praktikanten essen dann gemeinsam mit den Kindern am Tisch. Leider leichter gesagt als getan. Meistens lassen sich die Kinder ablenken, schlafen ein, essen übertrieben langsam oder gar nicht. Eine Ausbildung zum Motivationscoach wäre für das Mittagessen super hilfreich. Mit jedem Satz erinnert man die Kinder daran weiter zu essen und nicht mit dem Löffel zu spielen oder wie ein Zombie ein Loch in die Luft zu starren. Hat dann schließlich das letzte Kind aufgegessen geht es zum Zähneputzen mit der Profesora. Im Klassenzimmer wird dann sauber gemacht und mit dem Geschirr zum Spülbecken gegangen. Nach dem Abtrocknen ist es dann auch schon vollbracht! Während die Kinder sich für ihren Mittagsschlaf auf die Matratzen legen geht es für mich in die zweistündige Mittagspause. In der Zeit kommen die ganzen Schüler im Nuestro Hogar an. Es gibt drei Schulgruppen, die nach Alter aufgeteilt sind: Escolares uno, dos y tres.

Pünktlich um 15 Uhr trete ich in das Zimmer der Escolares dos (8 bis 12-Jährige) und helfe ihnen bei den Hausaufgaben. Wie alle Schüler auf der Welt haben sie oft Probleme mit Mathe und eine Aufmerksamkeitsspanne so lang wie ein zerbrochenes Lineal. Wirklich erschreckend sind aber ihre Englisch- bzw. fehlenden Englischkenntnisse. Völlig überfordert stehen sie vor ihren Hausaufgaben und verstehen kein Wort. Das Problem ist aber ganz klar auf die Schule und den Unterricht dort zurückzuführen. Meine Wenigkeit, kann dann nur noch versuchen, das Wichtigste aufzuarbeiten und den Schaden zu minimieren. Trotz all dem macht es einen Heidenspaß mit den Jungs und Mädels herum zu blödeln. Zwischendurch habe ich dann die Ehre die legendäre „Mazamorra“ zu holen. Das sind verschiedene Breie, die jeden Tag frisch von der Küche aus Kinoa, Obst, Vanille oder Schokolade zubereitet werden. Für mich gibt es einen extra großen Teller und ich hau immer ordentlich rein. Wenn die Schüler ihre Hausaufgaben erledigt und dass der Profesora glaubhaft verkauft haben, dürfen sie in den Park. In der Zwischenzeit spüle ich ab und schließe mich danach dem heiteren Miteinander im Park an. Streichelt die Sonne langsam den Horizont und die Vulkane und Gebirge färben sich rosa ruft die Profesora die Kinder zurück in die Klasse. Es ist 6 Uhr und die Eltern und Schulbusse kommen zum Abholen. Feierabend!

An den Wochenenden dauert es nicht lange, bis ich die Kinder schon wieder vermisse. Die kleinen Teufelsbraten wachsen einem sehr schnell ans Herz und für mich sind sie jetzt schon wie eine Familie. An Liebe mangelt es im Nuestro Hogar auf jeden Fall nicht. Die Kinder hier zeigen offen ihre Zuneigung.

Als letztes würde ich noch gerne ein paar Wörter über das Zusammenleben mit den anderen Freiwilligen verlieren, da das ein wichtiger Bestandteil des Auslandsjahres ist und viel davon abhängt, wie man mit seinen Kollegen klarkommt. Das Jan und ich uns Bombe verstehen hatte ich schon erwähnt. Inzwischen kam auch unsere bulgarische Mitgesellin Mariyana an und die WG war komplett. Na ja und dann ging alles bergab…
Ne Quatsch! Wir drei verstehen uns blendend und die Chemie stimmt genau. Im Arbeitsalltag unterstützen wir uns und Haushaltsaufgaben wie Eier kaufen werden gerecht verteilt. Gibt es doch mal ein Problem kann offen drüber gesprochen werden. Ich bin sehr dankbar mit den beiden im Projekt zu sein und lebe nicht mit zwei Kollegen, sondern mit zwei Freunden zusammen! Gemeinsam waren wir schon in Puno und auf dem Titikaka See. Für Weihnachten und Neujahr sind wir nach Lima geflogen und von dort aus die Küste entlang bis zur Insel Páracas. Weihnachten am Strand hat vorher auch noch keiner von uns erlebt. Langeweile scheint mir in Peru aber sowieso unmöglich: Jede Woche unterscheidet sich von der vergangenen und mein Leben war noch nie so aufregend. Weiterhin bin ich gespannt darauf was das Jahr noch so bringt und genieße einfach die Freiheit und Ungebundenheit. Es gäbe noch so viel zu erzählen aber aus Zeitgründen lege ich vorerst den Mantel des Schweigens über meine Zeit in Arequipa. In diesem Sinne, Cuídense y hasta pronto en la ciudad blanca!

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Ein Wimpernschlag und doch eine Ewigkeit



Diesen Artikel drucken Geschrieben am Mittwoch, 15. August 2018 von ADRAlive-Team

Ein Bericht von Marie, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Peru absolviert.

Casi Arequipena

Inkas und Kartoffeln kamen mir in den Sinn, als ich zum ersten Mal von Peru hörte, dem Land das nun seit schon neun Monaten meine Heimat darstellt. Wie habe ich darauf hingefiebert, hierher zu kommen, einzutauchen in eine neue Kultur, mich mit meinen Fähigkeiten im Projekt einzubringen und das Abenteuer des Erlernens einer neuen Sprache auf mich zu nehmen. Wie unvorstellbar anders und unglaublich perfekt doch alles ist, hätte ich mir so nicht im Traum vorstellen können.
Peru besteht aus so viel mehr als nur Kartoffeln und Inkas. Natürlich ist man hier stolz, peruanischer als der Papa zu sein, doch setzt sich diese farbenprächtige Kultur aus mehr als einer kulinarischen Zutat zusammen. Man liebt hier seine Feste und den Fußball, es wird ununterbrochen gehupt und wer bremst, verliert, man macht keinen Sport aber in der Freizeit besteigt man Vulkane, man isst zu allem Soßen und am liebsten mit Aji oder Rocoto, sodass man fast Feuer spuckt. Was am Anfang unverständlich, aufregend und neu war, ist jetzt fester Bestandteil meines Lebens geworden. Nun fahre ich ständig mit dem Taxi und esse mir vorher unbekannte Früchte in den intensivsten Farben. Ich liebe Arequipa und bin unglaublich stolz auf meine wunderschöne neue Heimatstadt. Denn wenn ich durch die Straßen laufe, am Morgen mit Blick auf den Hausvulkan frühstücke oder am Abend die beleuchtete Kathedrale beim Überqueren der Plaza de Armas bewundere, fühle ich mich doch schon fast wie eine Arequipena. Aber nicht nur all die kulturellen Erfahrungen bestimmen mein Leben hier. Ein riesiger unersetzbarer Teil stellt meine Arbeit in Nuestro Hogar, zu deutsch „unserem Zuhause“ dar.

Mi Hogar

Neben 70 Kindern habe auch ich hier in der Cuna, wie die Institution von AYUDAME e.V, der Partnerorganisation von ADRA, genannt wird, ein Zuhause gefunden. Während es für manche Kinder der einzige Ort in Ihrem Leben ist, an dem sich um sie gekümmert wird und wo sie gesund und ausreichend zu essen bekommen, stellt sie für mich einen Ort des Gebens, Zurückbekommens und Lernens dar.
Ich arbeite hier morgens im Nido, die Gruppe mit den jüngsten Kindern. Neben der Professora und Luciana, einer weiteren Hilfe, kümmern wir uns darum, den 2-3-jährigen die allgemeinen Basics beizubringen. Hände waschen, mit dem Löffel essen oder Spielsachen aufräumen muss alles erst gelernt sein! Nachdem die Kinder morgens ihr aus Brot und Milch bestehendes Frühstück gegessen und eine Weile gespielt haben, beginnt der Tag mit einem Gebet und der Anwesenheitskontrolle. Danach schließt sich ein Sportprogramm an, bei dem wir spielerisch Koordination und Körpergefühl fördern. Diesen Teil leiten abwechselnd die Professora oder ich. Wenn dann um kurz vor elf die Hora de fruta vorbei ist und die Kinder ihre mitgebrachten Früchte gegessen haben, geht es für sie aufs Töpfchen und für mich zum Abspülen. Denn neben Nase- und Popo-putzen bin ich auch für Teller, Tische, Stühle und denBoden putzen verantwortlich. Auch wenn sich das nach viel anhört, bleibt immer noch Zeit, um mit meinen kleinen Schützlingen im Park zu toben. Ich liebe es, sie zum Lachen und ihre Knopfaugen zum Strahlen zu bringen! Obwohl sie oft anstrengend sind, geben sie einem so viel zurück und füllen mein Herz immer wieder mit tiefer Freude. Nachmittags helfe ich meinen Escolares bei ihren Hausaufgaben, lese mit ihnen Bücher, tobe mit ihnen im Park und höre mir ihre Probleme und Sorgen an. Es ist unglaublich erfüllend, neben der spielerischen Arbeit im Nido auch eine geistig anspruchsvollere Aufgabe erfüllen zu können und man ist stolz, wenn man noch das ein oder andere aus Mathe von der Schule beherrscht.

Un ano

Ein Jahr erscheint einem wie eine Ewigkeit und gemessen an dem, was ich erlernen und erleben durfte, war es eine so unglaublich bereichernde und gesegnete Zeit. Eine Zeit, die jedoch leider mit einem Wimpernschlag vorbei war. Fragt man mich, was ich vermissen werde, gibt es so vieles bei dem mir beim Gedanken daran schon das Herz schwer wird. Doch oftmals sind es die kleinen Sachen, die einem am meisten fehlen werden, wie das Müllauto, das die Melodie von Arielle spielt, die Putzfrauen, die mit ihren Schrubbern den Boden trocken wedeln, die traditionell bekleideten Frauen, die einem schon von weit her „Fotofotofoto“ entgegenschreien und auch der Umstand, dass ich mein Klopapier in einen Mülleimer werfen muss, statt in das WC. Man bemüht sich, jeden Tag bewusst zu erleben und zu genießen. Am Schluss hofft man, dass die Zeit gut und vernünftig genutzt wurde und man wenigstens ein klitzekleines Bisschen dazu beigetragen hat, den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

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Meine schöne neue Welt



Diesen Artikel drucken Geschrieben am Montag, 12. März 2018 von ADRAlive-Team

Ein Bericht der Freiwilligen Sophia, die ein Jahr in einer peruanischen Kindertagesstätte verbringt.

Ein Neues Land

03. August 2017 – Mein großes Abenteuer beginnt. Wie lange habe ich im Voraus davon geträumt, mich darauf gefreut und mich gefragt, ob das alles wirklich so eine gute Entscheidung war. Ja, Abschied nehmen fiel mir nicht leicht. Aber nach den ersten drei Monaten hier in Peru habe ich die Entscheidung, mit ADRA für ein Jahr ins Ausland zu gehen, noch kein einziges Mal bereut! In der Anfangszeit war ich einfach nur überwältigt von allem, was ich erlebte. Wenn ich die Tür meines Zimmers öffne schaue ich direkt auf einen Vulkan, auf dem Markt kann man Früchte kaufen, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte und das Müllauto spielt die Melodie von „Under the Sea“ aus „Arielle“ ab, wenn es durch die Straßen der Stadt fährt. Was für ein spannendes und wunderschönes Land!

Neue Erfahrungen

Aber auch, wenn ich die Welt durch eine rosarote Brille sah, kehrte der Alltag ein und ich musste lernen, dass nicht immer alles so läuft, wie geplant. In der Arbeit mit Kindern ist kein Tag wie der andere. Man ist praktisch dazu gezwungen, sich auf Neues einzulassen, Dinge nicht so verkrampft zu sehen und darüber lachen zu können, wenn man die Situation nicht mehr im Griff hat. Und dabei liebe ich es doch, alles im Griff zu haben. In diesen Momenten wächst man über sich hinaus und lernt unglaublich viel dazu. Generell bin ich die Lernende. Die Verhältnisse aus denen die Kinder kommen, lassen mich meinen eigenen Lebensstil reflektieren und auch sonst gibt es einiges, was mir erst durch die Arbeit hier richtig bewusstgeworden ist.

Neue Aufgaben

Normalerweise ist mein Arbeitsalltag sehr gut organisiert. Hier in der Kindertagesstätte „Nuestro Hogar“ („Unser Zuhause“) unterstütze ich die „Lehrerin“ bei ihren Aufgaben. Wir bereiten die jüngeren Kinder auf die Schule vor oder helfen den älteren Kindern am Nachmittag bei den Hausaufgaben. Das klingt weniger anstrengend, als es in der Realität ist. Wenn die Sprache kein Problem mehr darstellt finden sich neue Herausforderungen – langweilig war es bis jetzt noch nie. Ein weiterer Bereich unserer Arbeit hier ist das Putzen. Manchmal macht es den Anschein, als würde man uns leicht gegen eine Spülmaschine eintauschen können. Aber genau dafür bin ich hier – um mich mit meinen Fähigkeiten einzubringen. Wenn ich dadurch eine helfende Hand sein kann nehme ich auch die Berge an Geschirr als Herausforderung, gerne an. Besonders viel Spaß habe ich allerdings, wenn wir in den Park gehen, damit sich unsere Schützlinge austoben können. In den Momenten, in denen sie sich an den kleinsten Dingen erfreuen, mich in den Arm nehmen oder mir durch ihre Zahnlücken heraus ein Lächeln schenken, weiß ich, dass ich hier genau richtig bin.

Neue Kultur – Neue Menschen

Da die Kinder das Projekt am Abend wieder verlassen und auch das Wochenende mit ihren Familien verbringen, haben wir viel Zeit, die Kultur und neue Menschen kennenzulernen. Dabei kommt es zu Begegnungen, die uns die Herzlichkeit und Offenheit dieser Kultur verdeutlichen oder zu Momenten, die uns einfach nur sprachlos machen. Uns sind hier viele Möglichkeiten geboten, unsere Freizeit abwechslungsreich zu gestalten. Ich lebe gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen in unserem eigenen kleinen Häuschen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass wir sehr frei in der Gestaltung unseres Lebens hier sind. Meine Heimat vermisse ich natürlich, allerdings habe ich hier ein weiteres Zuhause gefunden. Peru ist „mein Peru“ geworden. Es läuft hier vieles anders ab, als ich es aus unserem Heimatland gewöhnt bin, aber ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, all diese neuen Erfahrungen machen zu dürfen. Ich genieße die Zeit hier sehr, erkunde diese, für mich neue Welt und freue mich schon auf die kommenden, erlebnisreichen Monate.

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