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Too blessed to be stressed



Diesen Artikel drucken Geschrieben am Montag, 23. November 2015 von ADRAlive-Team

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Ein Bericht der ADRA “weltwärts”-Freiwilligen Matilda über ihre Arbeit am Campus der „Visions of Christian School“ auf den Philippinen.

Die Philippinen – ein Land der Kontraste. Lärmende Städte und stille Natur, schicke Wohnviertel und obdachlose Kinder, ein zusammengeflicktes Tricycle neben einem aufgemotzten SUV. Und ich mittendrin: in Puypuy, einem kleinen Ort zwei Stunden entfernt von der Hauptstadt Manila.

Das “Rose of Sharon House of Friendship”

Hier lebe ich mit über 80 ehemaligen Straßenkindern auf dem Campus der Visions of Hope Christian School “Rose of Sharon House of Friendship”. Der jüngste der Bewohner hier ist gerade mal 2 Jahre alt, die ältesten sind 17. Einige der Kinder haben keine Eltern mehr, viele aber noch wenigstens ein Elternteil. Von denen wurden die Kinder jedoch so vernachlässigt, dass sie hierhergeschickt wurden oder den Eltern standen die Mittel zur Versorgung ihrer Kinder einfach nicht zur Verfügung. Unterernährung, physische und psychische Gewalt, Missbrauch – davon merkt man im Alltag auf dem Campus nicht mehr viel. Die Kinder sind fröhlich und voller Energie, offen für Neues und für fremde Menschen.

Unser „After School Program“

Erst mit der Zeit bemerkt man die Folgen: Die Kinder sind sehr anhänglich und brauchen viel körperliche Nähe. Besonders die Jungen aber auch einige Mädchen haben Probleme mit Aggressionen. Sich an Strukturen zu halten fällt vielen schwer, das Gleiche gilt leider auch für die Regeln in unserem Klassenraum. Wir haben ein „After School Program“ aufgebaut, das wir hier täglich mit den lernbehinderten und den zurückgebliebenen Kindern veranstalten. Basteln und Malen, Tanzen und Singen, Backen, Spiele spielen – kleine Dinge, die die Kinder hier doch sehr zu schätzen wissen.

Es ist oft schwierig, man braucht viel Energie und Liebe und vor allem Geduld. Wenn die Kinder trotz aller Mühen lieber schlafen als zum Unterricht zu erscheinen und die Kinder, die da sind, die Hälfte unserer Unterrichtsmaterialien mitgehen lassen, hat man einfach keine Lust mehr. Aber in diesen Momenten kommt dann plötzlich eine der kleinsten Bewohnerinnen des Rose of Sharons um die Ecke, und wenn sie dich entdeckt, dann grinst sie dich so begeistert an, dass dir das Herz schmilzt. Oder wir erklären den großen Mädels, dass am nächsten Tag kein Unterricht stattfindet und sie beschweren sich enttäuscht. Oder das chronisch unterbesetzte Lehrpersonal ist genauso erleichtert über unsere Hilfe, wie wir froh sind über die Möglichkeit, sie unterstützen zu können.

Too blessed to be stressed

Aber ich will mal nicht so tun, als wäre ich nur hier, um zu helfen: Ich lerne zehn Mal mehr Dinge, als ich die Kinder lehre – oder wohl eher zu lehren versuche. Eine neue Kultur, eine neue Sprache, neue Werte, neue Rezepte. Neue Menschen, die auch in jungem Alter schon so viel Schlimmes erlebt haben. Und nicht nur die ehemaligen Straßenkinder, auch bei einigen Geschichten aus der Kindheit der Mitarbeiter läuft mir ein Schauer über den Rücken. Und doch: Sie haben alle ihr Lachen nicht verloren.

„Be thankfull“ heißt es oft, und wenn einem das schwerfällt: „Count your blessings!“ Sich nicht unterkriegen lassen, Lebensfreude statt Selbstmitleid, die kleinen Dinge genießen. Die Leute lachen viel und machen Späße, und sie essen viel langsamer als ich es aus Deutschland kenne. Das ganze Leben läuft nach dem Motto „Gott wird’s schon richten“. Es läuft vieles nicht so wie geplant, aber darum sorgt sich niemand. Stattdessen wird einfach nicht mehr groß geplant – irgendwie wird es schon klappen. Und auch wenn es mich immer verrückt macht, irgendwie klappt es dann doch immer –  und ohne Stress lebt es sich ohnehin leichter. Egal ob „Dritte Welt“ oder „Erste Welt“, überall findet man genug Gründe, um zu sagen: „I am too blessed to be stressed.“

1 Kommentar » ADRA Live!

Eine Reaktion zu “Too blessed to be stressed”

  1. Joana Guevarra

    Hallo liebe Matilda.
    Ich komme ursprünglich von den Philippinen, lebe jedoch seit meinem 10. Lebensjahr in Deutschland.

    Und obwohl ich die Lebens- und Denkweise der Pilipinos kenne, bin ich doch schon so „eingedeutscht“, dass ich mich jedes Mal über dieses sinnlose Konsum- und umweltschädliches Verhalten aufregen könnte.

    Ich finde es toll, was ihr in euren jungen Jahren dort leistet. Es für beide Seiten toll voneinander zu lernen. Macht weiter so. Ich finde deine Beiträge sowohl auf dieser Seite als auch auf deinem Blog sehr gelungen. Danke dafür! LG Grüsse aus der Lüneburger Heide, Joana.

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